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05.05.2021

Ein Plädoyer für weiblichen Pragmatismus

Serie: Frauen in der kommunalen IT


Serie: FRAUEN IN DER KOMMUNALEN IT
Teil 1: Ein Plädoyer für weiblichen Pragmatismus
Teil 2: Wege in den IT-Beruf: Schule, Ausbildung und Studium
Teil 3: IT’lerinnen gewinnen: Recruitingstrategien
Teil 4: Im Beruf: Unternehmenskultur, Networking und Unterstützung

Es gibt zu wenige Frauen in der kommunalen IT. Laut einer Umfrage von 2018 sind ein knappes Drittel der Belegschaft der Vitako-Mitglieder Frauen, der Frauenanteil in Führungspositionen liegt bei knapp einem Fünftel. In der gesamten IT-Branche ist das Verhältnis noch unausgewogener: Laut Bitkom war im November 2020 nur jede sechste IT-Fachkraft weiblich und nur jede siebte Bewerbung auf einen IT-Job kommt von einer Frau. Im Kommunalen Rechenzentrum Minden-Ravensberg/Lippe (krz) sind 43 Prozent der Beschäftigten Frauen, darunter 38 Prozent Vorgesetzte.

Das war nicht immer so: Noch in den 1970er-Jahren waren 90 Prozent der DatentypistInnen bei IBM weiblich. Und auch unter jenen, die die IT überhaupt entwickelten, waren Frauen – etwa Grace Hopper, die den ersten Compiler baute und mit der Entwicklung der Programmiersprache COBOL Weltruhm erlangte. In den letzten Jahren besinnt man sich wieder auf diese Pionierinnen – vielleicht auch, um mehr Frauen in IT-Berufe zu locken. Denn das Bewusstsein dafür, dass sich etwas ändern muss, ist durchaus vorhanden. „Das größte Potenzial, das Deutschland bisher brachliegen lässt, sind Mädchen und Frauen in der IT und Digitalwirtschaft“, meint Oliver J. Süme, Vorstandsvorsitzender vom Internetwirtschafts-Verband eco.

Und so fehlt es nicht an Initiativen von Universitäten, Unternehmen und Verbänden, um das zu ändern. Auch die kommunalen IT-Dienstleister engagieren sich. So beteiligt sich das krz seit vielen Jahren an MINT-Veranstaltungen wie dem Lippe.MINT-Tag und bereits seit 2006 am Girls’ Day. 2012 wurde hier das IT-Camp ins Leben gerufen, in dem eine Gruppe von Schülerinnen zwei Wochen lang die Arbeit eines kommunalen IT-Dienstleisters kennenlernen. Das Konzept ging auf: Einige der weiblichen ehemaligen Azubis wurden durch eines oder mehrere dieser Angebote des krz an die IT herangeführt und sind inzwischen beim ostwestfälischen IT-Dienstleister fest angestellt.

Strukturiert und lernbereit
Aber warum brauchen wir mehr weibliche Fachkräfte in der kommunalen IT? Frauen bringen aufgrund ihrer Sozialisation andere Sichtweisen ein, andere Kommunikationsformen, andere Herangehensweisen. Der krz-Ausbilder Jens Wenderoth fasst seine Erfahrungen folgendermaßen zusammen „Für Frauen in IT-Jobs sprechen ihre strukturierte Herangehensweise an Probleme und ihre Geduld und Lernbereitschaft – sie lesen tatsächlich Handbücher. Und auch die Sozial- und Methodenkompetenz sind hochgeschätzt.“

Image-Wandel der IT notwendig
Doch das Interesse von Mädchen am Thema IT bleibt gering. Noch immer sind weniger als ein Viertel aller Studierenden in Informatikfächern weiblich. Die exzellenten Zukunftsaussichten für Informatikerinnen scheinen – zumindest in Deutschland – wenig Einfluss zu haben. Anscheinend herrscht bei uns immer noch das Bild des Informatikers Serie 01|2021 Vitako aktuell 29 als Nerd vor, der einsam vor sich hin tüftelt. Es ist Zeit, dass die öffentliche Wahrnehmung unserer Arbeit an die Wirklichkeit angepasst wird.

  • Informatik gestaltet die Zukunft in allen Bereichen und bietet Zugang zu verschiedensten Berufen.
  • Informatik ist Problemlösung. Sie verlangt Voraussicht, Pragmatismus, Planung, Flexibilität und Teamarbeit.
  • Informatik ist Dienstleistung. Das gilt ganz besonders für die kommunale IT: Nur ein kleiner Teil der Beschäftigten im krz kann programmieren. Der Großteil unterstützt die kommunale Verwaltung in der Anwendungsbetreuung und in Digitalisierungsprojekten.

Denn die Arbeit in der kommunalen IT – nicht nur, aber vielleicht besonders hier – erfordert neben Technikaffinität auch Eigenschaften, die als typisch weiblich gelten. Laut einer Umfrage des Bitkom sind die wichtigsten Eigenschaften neuer Mitarbeitender Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit. Darüber hinaus wünschen sich zwei von drei Unternehmen Einfühlungsvermögen.

Lösungsansätze auf mehreren Ebenen
Von zentraler Bedeutung ist die Bildungspolitik. Informatik hat längst eine wichtige Rolle für unsere Gesellschaft. Sie darf nicht mehr als Geheimwissen für Geeks betrachtet werden, sondern gehört in den Lehrplan wie Geschichte und Biologie. Wenn alle Kinder frühzeitig Erfahrungen mit IT machen, werden auch viele Mädchen und junge Frauen merken, wie viel Spaß IT machen kann.

Bis das selbstverständlich ist, müssen Mädchen besonders angesprochen werden, sei es beim Girls’ Day oder bei anderen MINT-Veranstaltungen. Dabei sind auch die kommunalen IT-Dienstleister gefragt. Sie müssen dafür sorgen, dass die Sichtbarkeit von Frauen in dieser Branche steigt. Mehr Frauen in Führungspositionen – das sind auch mehr Vorbilder, die jüngeren Kolleginnen Mut machen. Aber auch die Außenwirkung ist zu beachten: Mit mehr weiblichen Führungskräften werden wir kommunalen IT-Dienstleister interessanter. Leider sind hier die Vitako-Mitglieder noch kein gutes Vorbild. Nur wenige Chefs solcher Einrichtungen sind weiblich, auch der Vitako-Vorstand ist nur von Männern besetzt.

Sicherheit als Recruiting-Argument
Dabei könnten die Vorteile, die der öffentliche Dienst bietet, besonders Frauen ansprechen. Er bietet Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten, eine starke Personalvertretung und verschiedene Teilzeitmöglichkeiten – nicht erst seit gestern. So wurde im krz Homeoffice bereits vor mehr als 20 Jahren für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingeführt.

Die klassischen Sicherheitsargumente stellen gerade in der Pandemie, in der wir uns noch immer befinden, einen großen Vorteil dar. Denn jetzt zeigt sich, dass viele Mütter die Hauptlast aus Familienmanagement, Kinderbetreuung, Homeschooling und Erwerbstätigkeit tragen. Hier gilt es, jede nur mögliche Unterstützungsleistung anzubieten.

Und der öffentliche Dienst ermöglicht eine zusätzliche Art der Personalgewinnung: über Abordnungen und Quereinsteigerinnen. Aus Mangel an entsprechenden Ausbildungsgängen kam das Personal vieler kommunaler IT-Dienstleister anfangs fast ausschließlich aus der Verwaltung. Auch heute hat dieser Weg nichts von seiner Attraktivität gerade für weibliche Beschäftigte verloren.

Bereits seit vielen Jahren spricht das krz besonders Mädchen und junge Frauen für die Rekrutierung an, wie zum Beispiel beim Girls' Day. (Foto:krz)